Ausreden

Kolumne von Jens Nielsen

TEXT Jens Nielsen BILD zvg

Einmal, als ich bei meinem zukünftigen Schwiegervater um die Hand seiner Tochter anhalten wollte, so wie es einst mein Vater getan, kam ich nicht zu Wort. Mein zukünftiger Schwiegervater erzählte mir stattdessen, wie er Kartoffeln über eine Grenze schmuggelte in Osteuropa. Kartoffeln. Wo andere ganz anderes. Dann erzählte er es noch einmal. Und wieder. Und den halben Nachmittag. Dazu trank er ungekühltes Bier aus Dosen.

Trotz der einsilbigen Geschichte, die er mir einfach nicht aufhören konnte mitzuteilen, mochte ich ihn. Er hatte ein gutes Elternhaus, doch aus Gründen, die mir unbekannt geblieben sind, beschloss er, sich zu Grunde zu richten. Und das tat er auch. Und meine zukünftige Schwiegermutter half dabei ganz selbstverständlich. Sie hielt den Biernachschub aufrecht mit einer Zuverlässigkeit, die man sich sonst wünschen mochte.

Und als es so weit war, ging er ohne Klagen, obwohl es hässlich endete für ihn. Ich weiss noch, wie mich das beindruckt hat. Und seine Frau schrie in der Verzweiflung in den Korridoren des Spitals. Und sie schalt den Arzt so schlimme Dinge, dass er es ohne Schaden kaum überstanden haben wird. Dann griff sie ihn mit blossen Händen an, der Arzt musste um Hilfe rufen.

Ihr Mann, der an diesem Tag, an dem ich um die Hand seiner Tochter gefragt hätte, noch gerne lebte, hätte wieder vom Kartoffelschmuggel angefangen. Aber da war Zeit fürs Abendessen. Ein Essen, das ich nie verdauen werde. Meine Verlobte sass mir gegenüber. Links und rechts von ihr die Eltern, beide mehr und mehr betrunken, er zufrieden und sie wild, pathetisch, vielleicht unbezwingbar. Und ich war willkommen.

Jens Nielsen wollte ursprünglich die Hundeschule besuchen, wurde dann aber Schauspieler und Autor. Er ist Mitglied der Musikformation SEN-Trio mit Ulrike Andersen und Hans Adolfsen und arbeitet regelmässig für SRF2 Kultur. Einige seiner Vergehen sind hier aufgeführt.