Ausbruch aus der Monotonie

BÜHNE Die Theateraktivist*innen vom Verein «Ausbruch» arbeiten seit sieben Jahren mit Insassen der Strafanstalt Lenzburg und ermöglichen ihnen, ein bisschen Spontanität zu erleben. Derzeit laufen die Proben zu einer Adaption von Dürrenmatts «Die Panne». Dabei bringen die Gefangenen ihre eigene Geschichte auf die Bühne und reflektieren die Rolle der Gesellschaft. Wir haben eine Probe besucht.

 

TEXT Michael Hunziker BILD Lea Schwab

Kennen Sie das, diese verschachtelten Geschichten, die sich gegenseitig spiegeln und eine ungeheure Dimension erahnen lassen? Diese Unsicherheit über den eigenen Standpunkt als Zuhörer* in? – Vor allem, wenn man sich in der Geschichte plötzlich selbst wiederfindet, in einer beinahe infiniten «mise en abyme». Und genau das passiert in der neuen Produktion des Theaterkollektivs «Ausbruch». Wenn die Strafanstalt Lenzburg zu einer Bühne wird, auf der die Insassen Dürrenmatts Stück «Die Panne» spielen, also die Geschichte über eine Verurteilung, dabei Beschuldigte und Richter gleichermassen darstellen, vor einem Publikum, das mit seinem Urteil seinerseits den Ausgang der Geschichte bestimmt, und die szenischen Anordnungen kontinuierlich Erzählung und Wirklichkeit hinterfragen, ja dann fährt ein ästhetischer Schauer durch einen hindurch. Man ist in eine solche Erzählung geraten – in eine Inszenierung, die Regress nimmt auf den Kreislauf von Schuld und Sühne, der die Menschheit seit jeher durch ihre Zeit begleitet. Aber jetzt schön von vorn. Der Bericht vom Probenbesuch.

 

In der Form eines Boxkampfes

In die Strafanstalt erhält man nur auf Anmeldung und nur zur genau vereinbarten Zeit Einlass. Wer zu früh kommt, wie ich, muss warten und sich im Wohnquartier die Füsse vertreten. Ein paar Häuser in der Nachbarschaft sind ebenfalls von Mauern umgeben, vergittere Fenster, als wären auch sie Teil eines Strafsystems – aber das ist jetzt ein anderes Thema. Nun, die Zeit ist gekommen und der Direktor der Strafanstalt persönlich, Marcel Ruf, empfängt mich und führt durch eine Sicherheitsschleuse und ein paar Gänge in die Turnhalle, wo sich bereits die fünf Insassen zusammen mit Annina Sonnenwald und Simona Hofmann zu Hip-Hop-Beats mit Liegestützen aufwärmen und dehnen. Pinke Boxhandschuhe und Bandagen liegen am Boden – das Stück wird in der Form eines Boxkampfes choreografiert. «Theaterspielen ist im Gefängnis wohl eine der sinnvollsten Beschäftigungen. Die Insassen haben ein Ziel, bilden sich in der Auseinandersetzung mit dem Stück und lernen im Spiel, aufeinander Rücksicht zu nehmen», sagt der Direktor Marcel Ruf in der Gerätekammer der Turnhalle, zwischen Matten und Barren. Ihm liegt das Projekt sichtlich am Herzen. Annina Sonnenwald realisiert mit ihrer Crew bereits die 6. Produktion in der JVA Lenzburg. Zwar haben die Gefängnisse in der Schweiz den Auftrag, ein sinnvolles Freizeitangebot zur Verfügung zu stellen, doch ein Theater – das ist keine Selbstverständlichkeit. «Es braucht schon Engagement seitens der Leitung», sagt Ruf, «vor allem, um die Mitarbeitenden der JVA zu überzeugen, dass das eine gute Sache ist.» Denn diese hegen Sicherheitsbedenken oder sehen den Sinn hinter dem Aufwand nicht. Für Ruf, der als Gastgeber bereits Bundesräte und andere Politprominenz zu einem Theaterabend in der JVA empfangen konnte, ist das Projekt ein klarer Erfolg: «Es kostet die Steuerzahlenden nichts und bietet Gelegenheit für Aussenstehende, sich ein Bild von innen zu machen, den Gefangenen zu begegnen. » Das Projekt passt zu Ruf, der versucht, im Strafvollzug innovative Wege zu begehen und auch offen ist für Projekte der restaurativen Justiz, bei denen sich Opfer und Täter im Gefängnis begegnen können. – Ich muss mir eingestehen, Marcel Ruf passt definitiv nicht in mein Bild, das ich von einem Gefängnisdirektor hatte. Da steht er und trinkt Kaffee aus Pappbechern und plaudert mit den Insassen. «Wir sind ja nicht gerade Sängerknaben», sagt etwa J., ein Insasse. Und meint, dass manche, sich selbst eingeschlossen, die hier am Projekt mitmachen, verwahrt sind – unter anderem wegen Mord. Das Theaterspielen bringt ihnen im Hinblick auf die Resozialisierung erstmal nichts, weil sie gar nicht mehr rauskommen. Dafür hilft es ihnen, für ein paar Stunden in ihrer Freizeit aus «der Monotonie des Gefängnisalltags auszubrechen», wie J. es beschreibt. Eine Monotonie, die für Aussenstehende schlicht nicht vorstellbar ist. Im äussersten Fall sind die Gefangenen bis zu 21 Stunden pro Tag auf 2 mal 3.6 Metern der nackten Zeit ausgesetzt. Weil die Gesellschaft dies für die von ihr am weitesten Abgefallenen so vorsieht.

 

Zu gestehen hat man immer was …

Zurück zu Dürrenmatts Panne: Runde 6. In der Inszenierung nach Simona Hofmann. Aus dem Off sagt Sonnenwald, die Erzählerin: «Es gibt kein grösseres Verbrechen als die Unschuld». Und Traps, der Handelsreisende, der wegen einer Panne auf dem Lande im Hause eines Richters gelandet ist, beginnt sich zu rechtfertigen. Vor versammelter Abendgesellschaft, die der Richter zusammengerufen hat. Traps rechtfertigt sich für seinen gesellschaftlichen Aufstieg, seinen Reichtum, seine Seitensprünge – nicht ganz frei von Prahlerei. Und dann steht er unverhofft unter Mord-Anklage und insistiert: «Ich habe nichts zu gestehen!» – «Gestehen muss man, ob man will oder nicht. Und zu gestehen hat man immer was», ruft die Erzählerin. Ein paar Momente später ertönt Musik, die Choreografie der Gefangenen, die jetzt im Stück die Richter sind, nimmt ihren Lauf, Annina Sonnenwald wird von P. in die Höhe gestemmt. Sie steht auf seinen Schultern, bevor sie durch seine Arme gleitet und sachte wieder von ihm auf den Boden gestellt wird. Dann dreht sich der Kreis der Richter, also der Gefangenen, mit der Musik. Sie bleiben stehen und starren ins Publikum. Zu gestehen hat man immer etwas. Unschuld, ein Verbrechen. Spätestens jetzt sind auch die Zuschauer*innen Teil der Verhandlung, und alleine diese Blicke bringen die Relationen für einen kurzen Moment ins Kippen.

Die «Panne 4.0» wird angesichts der Corona-Situation voraussichtlich

im Frühjahr 2021 aufgeführt.

 

GEFÄNGNISTHEATER SCHWEIZ:

DER VEREIN AUSBRUCH

Seit 2013 erarbeitet der Verein Ausbruch im Zweijahresrhythmus Theaterproduktionen mit Insassen der JVA Lenzburg. Dabei sieht sich das Projekt in einer langjährigen Tradition des Gefängnistheaters, die vor allem in Rumänien, Italien, Deutschland und Amerika besteht. Die rund vierzig öffentlichen Aufführungen des Vereins «Ausbruch» sind auf grosses öffentliches Interesse gestossen. Gegen 4000 Menschen haben die Vorstellungen besucht und die Möglichkeiten wahrgenommen, persönlich den Gefangenen zu begegnen. Im Artikel 75 des Schweizerischen Strafgesetzbuchs (4. Teil) wird die Aufgabe des Justizvollzugs deutlich, nämlich, auf Gefangene präventiv zu wirken. Ferner kommt der Normalisierungsgedanke des Anstaltslebens zum Ausdruck. Der Haftalltag kann somit zum «Lernfeld» für soziales Verhalten werden und so günstige Voraussetzungen für die Entlassung schaffen. Als ein Ziel für die Gefangenen wird formuliert, Angebote zu schaffen, welche die sozialen Kompetenzen fördern. Hierzu kann auch die Freizeitgestaltung in Form von Theater gezählt werden. Das Rückfallrisiko von Insassen kann mit Bildungsmassnahmen gesenkt werden. Es ist davon auszugehen, dass sich Theaterarbeit positiv auf den Einzelnen auswirkt und einen Teil zur Resozialisierung beitragen kann.

 

«DEN MENSCHEN SEHEN, NICHT SEINE TAT»

Simona Hofmann, Regie

«Wie wir das Eis brechen? Dazu gibt es kein Geheimrezept. Wir kreieren gemeinsam eine Stimmung und eine Situation, und suchen Analogien, um ins Stück einzusteigen. So ist etwa die Form des Boxkampfes aus einem Workshop entstanden. Das war die Idee der Gefangenen. Als Regisseurin versuche ich vorerst keine eingrenzenden Anweisungen zu geben. Sie sollen spielerisch die Inhalte entdecken, die sie darstellen wollen. Ich möchte aus den Gefangenen auch keine Schauspieler machen, sondern sie als Persönlichkeiten erzählen lassen. Sie haben durch ihre Biografie auch einen viel persönlicheren Bezug zum Stoff der Panne als ich. Sie sind die Experten und ich helfe ihnen, das auf die Bühne zu bringen. Der Prozess ist also sehr partizipativ. Wenn ich mit ihnen arbeite, sehe ich den Menschen und nicht seine Tat.»

 

P.: «DIE PROBEN SIND MEINE ABENTEUERTERMINE»

«Zum zweiten Mal spiele ich bereits mit – wie letztes Mal einen Staatsanwalt. Das Theater bedeutet für mich Abwechslung. Spontanität, Intuition, das fehlt alles im überstrukturierten Gefängnisalltag. Wir werden in den Schaffungsprozess mit einbezogen und können unsere Ideen einbringen. Das Experimentelle gefällt mir dabei, etwas einfach mal auszuprobieren, ohne vorher zu wissen, ob es schauspielerisch klappt. Wir haben ein gutes Team mittlerweile und verbringen viel Zeit miteinander. Bei den Mitgefangenen erfahre ich viel Neugier auf das Stück und bisher gab es auch kein negatives Feedback. Das einzige Problem ist, dass ich als gelernter Elektromonteur während der intensiven Probephase manchmal bei der Arbeit fehlen muss, was mein Vorgesetzter zwar duldet, die Arbeit wird aber nicht weniger. Ob mir das Theater punkto Resozialisierung etwas bringt? Ich werde wohl nicht mehr rauskommen. Von daher sind die Proben meine Abenteuertermine. Jetzt steht der Aufseher da, ich muss zurück in die Zelle.»

 

«WIR HABEN EIN GEMEINSAMES ZIEL»

Annina Sonnenwald, Initiatorin von «Ausbruch», Schauspiel Der Wunsch, im Gefängnis Theater zu inszenieren, entstand bei mir durch die Erfahrung, die ich beim Theatermachen an ungewöhnlichen Orten, wie etwa in einem Krematorium, gesammelt hatte. Ich stellte mir vor, dass Gefangene spannende Schauspieler wären und dass der Ort mit seinen Ambivalenzen sehr viel fürs Theater hergibt. Und es hat sich bewahrheitet. Vor acht Jahren haben wir unsere erste Produktion in der JVA Lenzburg gemacht. Die Arbeit im Gefängnis hat mich sogar motiviert, Rechtswissenschaften an der Uni zu studieren. Wir vom Verein «Ausbruch» arbeiten alle ehrenamtlich. Unser Projekt wird zu je einem Drittel von Kanton und Bund, von Stiftungen und von Einnahmen aus den Vorstellungen finanziert. Wir arbeiten mit unserem Theater nicht therapeutisch oder pädagogisch. Wir haben mit den Gefangenen ein gemeinsames Ziel, und das sind die Aufführungen. Aber natürlich hat das Theaterspielen willkommene Nebeneffekte. Es tut uns allen gut. Ich spiele gerne Theater mit Menschen, die sich auf etwas einlassen können. Die Gefangenen steigen schneller ein ins Spiel als Laienschauspieler* innen draussen. Sie besitzen auch eine hohe Imaginationskraft und können schnell Geschichten entwickeln. Dies ist ja auch etwas vom wenigen, das ihnen im Gefängnis bleibt – Handy und Internet haben sie nicht. Zu Beginn hatte ich das Gefühl, dass es im Gefängnistheater ein Nachteil sei, Frau zu sein. Dann merkte ich, dass es die Gefangenen anspornt und es gleichzeitig das Wettbewerbsdenken entspannt.

 

J.: «WIR SIND KEINE MONSTER»

Im Gefängnis wird dir nicht einfach nur die Lebenszeit oder die Freiheit genommen. Sondern auch etwas Geistiges. Du verblödest schlicht und einfach. Die Abläufe sind immer gleich: morgens wird die Zelle aufgeschlossen, du gehst zur knastinternen Arbeit, abends wieder Zelle zu. Du wirst unselbstständig und vergisst zu denken. Durch das Theater erhalte ich ein bisschen Freiheit im Kopf. Etwas Abwechslung. Ich werde gefordert. Texte auswendig zu lernen hilft mir, geistig nicht komplett abzubauen. Ein kleiner Ausbruch aus der Monotonie. Die öffentlichen Aufführungen sind mir wichtig. Im Theaterspielen sehe ich die Möglichkeit, den Menschen zu zeigen, dass wir keine Monster sind. Wir sind normale Menschen, die Verbrechen begangen haben. Man sieht uns von einer anderen Seite auf der Bühne. Schliesslich war ich vor der Verurteilung Familienvater, Nachbar, Geschäftsinhaber. Das Stück «Die Panne» hat viele Parallelen zu meiner Geschichte. Daher habe ich erst gezögert, ob ich da auch wirklich mitmachen will. Wenn ich als Mehrfachmörder ins Publikum frage, «sieht so ein Verbrecher aus?», dann löst das bei mir selbst sehr viel aus. Jedes Blatt hat zwei Seiten.