Auf der Party

Die Jens-Nielsen-Kolumne

TEXT Jens Nielsen

Kürzlich war ich eingeladen. Oder war ich gar nicht eingeladen und ging dennoch hin? Ich hatte die Adresse und betrat das Hochhaus. Ich fuhr mit dem Lift hinauf und klingelte. Niemand kam. Ich hörte aber gutgelaunte Stimmen aus der Wohnung. Darum öffnete ich selbst die Tür, trat ein und sagte guten Abend, lauter als normal, es lief Musik. Niemand sah mich an. Niemand grüsste mich. Seltsam, dachte ich und machte ein paar Schritte hin zu einer Gruppe von vier Leuten, die sich unterhielten. Hallo, rief ich, danke für die Einladung. Sie redeten gelassen weiter. Also trat ich zwischen sie. Hallo! Nun redeten sie durch mich hindurch. Ach so, die haben gar nicht eingeladen, sondern jemand anderes. Eine Frau stand an der Hausbar, schenkte aus. Klar, sie ist es. Ich drängelte mich durch die anderen Gäste bis zu ihr hin, um zu sagen, dass ich da sei. Doch bevor ich sie begrüssen konnte, fiel mir auf, die Gespräche dieser Leute, ich verstand sie nicht. Alles klang wie rückwärts aufgesagt. Jemand öffnete ein Fenster, es entstand ein starker Durchzug. Die Luft erfasste mich als Einzigen und riss mich um und zog mich auf dem Boden durch die Wohnung. Ich wollte mich festkrallen an Teppichen, an Möbeln, Hosenbeinen. Doch der Durchzug wehte mich hinaus. Am Fensterrahmen schlug ich mit dem Ellenbogen an. Dann schwebte ich schon hinab, wie Laub und landete nicht unsanft auf dem Spielplatz in der Siedlung, wo ein Hund herbeisprang, an mir schnupperte, an meinem Fuss markierte und verschwand. Soso, dachte ich, das war also das. Und ich überlegte, was ich mit dem angebrochenen Abend … 

 

Jens Nielsen wollte ursprünglich die Hundeschule be- suchen, wurde dann aber Schauspieler und Autor. Er ist Mitglied der Musikformation SEN-Trio mit Ulrike Andersen und Hans Adolfsen und arbeitet regelmässig für SRF2 Kultur. Einige seiner Vergehen sind hier aufgeführt: www.jens-nielsen.ch