Alternative Körperverständnisse

AUSSTELLUNG Das Forum Schlossplatz thematisiert in einer multimedialen Ausstellung die Rolle des weiblichen Körpers in der Kunst. «Mit Haut und Haar» versammelt interessante künstlerische Positionen zum gegenwärtigen Diskurs um Gender und Identität.

TEXT Michael Hunziker

Lotta Gadola, Haarsträubend, Fotografie 2015

Vor 37 Jahren, in den Anfängen des Forum Schlossplatz, fand bereits eine Schau unter demselben programmatischen Titel statt. «Mit Haut und Haar» rückte weibliche Positio­ nen in den Fokus und zeigte frühe Arbeiten feministischer Kunst aus den 70er-Jahren. Was hat sich in der Zwischen­ zeit getan? Gesellschaftlich, kulturell und in der Kunst? Die aktuelle Ausstellung im Forum Schlossplatz stellt sich diese Frage und öffnet Raum für Arbeiten von vier Künstler*in­ nen, die (ihren) Körper zum Thema machen. Begleitend zur Ausstellung entsteht ein Heft mit weiteren Positionen aus

verschiedenen Sparten und Perspektiven. Über den Körper wird nicht mehr wie in den 70er-Jahren in polaren Katego­ rien gedacht – nach wie vor sind sie aber nie frei, sondern immer auch Austragungsort von Machtdynamiken, die es zu befragen und idealerweise mitzugestalten gilt. Damit liefert die Schau einen Beitrag zu aktuellen Debatten um Gender und Identität, irritiert tradierte Vorstellungen und zeigt alternative Körperverständnisse. Die auf dieser Doppelseite gezeigten Bilder sowie der nachfolgende Text geben Einbli­ cke in das vielstimmige und subversive Unterfangen. Mh

 

Von den Körpern ausgehen – und die Ordnung überschreiten

Was macht es so schwierig, Kulturinstitutionen diverser zu gestalten? Der Körper kann Quelle von Inspiration sein, aber eben auch Hindernis in jahrhundertealten Strukturen, die verschiedenen Körpern und Geschlechtern unterschiedliche Spielräume zuweisen. Beginnen wir beim Theater: Ist es nicht die Idee des Theaters, dass wir auf der Bühne alles sein können: Ein schimmernder Regenbogen, ein türkiser Maulwurf oder eine stachelige Brombeerranke?

Es wird Zeit, dass wir uns von den Besetzungspolitiken des 18.Jahrhunderts lösen und eben nicht über körperliche Eigenschaften nachdenken, die es uns erlauben würden, eine Person als jugendliche Liebhaberin zu besetzen. Körper, ihre Spielweisen und unsere Imaginationskraft können so viel mehr.

Und in der Musik: Warum haben wir uns nicht längst von Vorannahmen verabschiedet, die Instrumente je nach Geschlecht zuweisen? Bringen tatsächlich nur Männer* genug Kraft auf, ein Schlagzeug zu be«herr»schen? Sind nicht viel mehr Klangfarben möglich, wenn verschiedene Körper hörbar werden?

Kommen wir zur Literatur: Schreibstile, Genres – vergeschlechtlicht? Ja sicher, solange die festgestellte Geschlechtsidentität über die verfügbaren Ressourcen bestimmt, wird das wohl so bleiben. So schreibt Virginia Woolf: «Literatur ist wie ein Spinnennetz, vielleicht nur ganz lose, aber dennoch an allen vier Ecken mit dem Leben verknüpft» und diese Netze werden «nicht mitten in der Luft von körperlosen Wesen gewebt (...), sondern (sind) das  Werk leidender Menschen, verknüpft mit grob materiellen Dingen wie Gesundheit und Geld und den Häusern, in denen wir wohnen.» Wir wünschen uns literarische Räume für viele unterschiedliche Erfahrungswelten und Lebensweisen.

Die Visuellen Künste: Warum müssen Kinder, Sorgearbeit, Fragen der Vereinbarkeit im «Privaten» verhandelt werden, um das Bild des Genies und das Dispositiv der Kreativität nicht zu irritieren? Es wird Zeit für mehr familiengerecht gestaltete Residenzen und Ateliers, damit eine grössere Vielfalt an Körpererfahrung zum Ausdruck kommt. Und wir brauchen Museen, die verschiedene Körper willkommen heissen und verhandeln.

Zum Schluss: Lasst uns von all den Ansätzen, Interventionen und Projekten lernen, die bereits jetzt die Ordnung überschreiten, teilweise auch die Ordnung der Sparten sehr viel freier denken, finden sich doch in einzelnen Körpern nicht selten eine Fülle verschiedener Potenzialitäten. Aber manchmal helfen uns diese Strukturen auch, unsere Gedanken zu ordnen – nur um sie dann zu überschreiten ... von den Körpern her.

 

Aus: «the art of intervention» von Andrea Zimmermann und Dominique Grisard, 2022, für die Publikation zur Ausstellung «Mit Haut und Haar».

 

AARAU Forum Schlossplatz, Vernissage: Fr, 9. September, 18.30 Uhr. Ausstellung bis 8. Januar 2023.

Diverse Begleitveranstaltungen, von Live-Tätowieren bis Workshops für Kinder und Jugendliche. Programm: www.forumschlossplatz.ch

 

Publikation zur Ausstellung: «Mit Haut und Haar. Körperkunst jetzt». Ein Klapp-Bild-und-Text-Buch mit Beiträgen von Julia Haenni, Les Reines Prochaines, Julia Weber et al., Hg. Forum Schlossplatz 2022.