Ästhetik als Prävention

ESSAY Wie schaffen wir die Kehrtwende hin zu einer nachhaltigen Lebensform, die alle Gesellschaftsbereiche durchdringt? Der Künstler George Steinmann fordert in seinem Essay die Aufhebung der Dualität von Natur und Mensch. Dabei kommt der Kunst eine zentrale Rolle zu.

TEXT George Steinmann BILD Tabea Reusser

Ein Blues auf das Gletschersterben von George Steinmann. Videostill: Tabea Reusser

Die Natur, lange als unerschöpflicher Fundus von Ressourcen angesehen, erweist sich heute als ein erschöpftes Gebilde, das sich aufgrund menschlicher Eingriffe aufzulösen beginnt. Unsere Erde ist krank, durch uns. Nachdem der Mensch den Boden, die Meere und die Luft ausgebeutet hat, schielt er nun in den Weltraum und ebenso in die Tiefe. Damit verbunden stellen sich neue Fragen: Wem gehören die Ressourcen im Untergrund? Wem das Wasser? Wem die Biodiversität? Und wer ist zuständig für das Klima? Kurzum: Wir stehen an einem kritischen Punkt der Erdgeschichte, an dem die Menschheit den Weg in ihre Zukunft wählen muss. Die bisher übliche Praxis der rationalen Plünderung unseres Planeten muss durch ein Ethos der globalen Protektion ersetzt werden. 

Ein Ansatz dazu ist die UN-Agenda 2030 und die darin enthaltenen 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung. Sie ist ein Referenzrahmen, den sich die Staatengemeinschaft gesetzt hat, um die grossen Herausforderungen dieser Welt anzugehen. Ihre Umsetzung verlangt ein neues Denken und Handeln, das mit Zuversicht eine zukunftsfähige Gesellschaft formuliert. Wir sind jedoch weit davon entfernt, die vorgegebenen Ziele zu erreichen, denn wir tun nicht, was wir wissen. 

Einerseits fehlt der politische Wille zu einem wirklich grundlegenden Paradigmenwechsel, andererseits besteht ein Missverständnis bezüglich des Begriffs «Nachhaltigkeit» selbst. Das Regelwerk der Agenda 2030 basiert auf einem Drei-Dimensionen-Konzept mit den Schwerpunkten Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt. Ein fataler Trugschluss. Nicht nur, weil sich im Begriff «Umwelt» eine anthropozentrische Sichtweise manifestiert, die eine Trennung zwischen Natur und Mensch macht und so quasi die Grundlage der globalen ökologischen Krise schafft, interessanter wäre der Begriff «Mitwelt», sondern vor allem auch, weil in diesem 3-Säulen- Modell die kulturelle Dimension ausgeschlossen ist. Die Gestaltungskompetenzen der Künste als Metaebene für eine unabdingbare Wertediskussion sind demnach nicht  Teil zukunftsgerichteter Verantwortungsstrategien. Ein folgenschwerer Irrtum, denn die Vision einer naturverträglichen Entwicklung kann nicht auf rein technische Lösungen oder wirtschaftliche Interessen reduziert werden. Ein ökosozialer Umbau unserer Gesellschaft wird nicht gelingen, solange man auf ästhetische Strategien verzichtet, die eine andere Lebensweise vorstellbar und attraktiv machen.

Mein Verständnis von nachhaltiger Entwicklung umfasst deshalb explizit auch die ästhetische Dimension. Nachhaltige Entwicklung ist eine kulturelle Herausforderung. 

 

Was also ist zu tun?

Mir persönlich scheinen folgende Wesensmerkmale zentral zu sein:

 

1. Das Prinzip des Dialogs

Unsere globalisierte Welt verträgt keine Abschottung mehr. Es braucht ein Bewusstsein der Allverbundenheit. Nur durch die Vernetzung verschiedener Kompetenzen entstehen zukunftsfähige Lösungen. Ich bin überzeugt, dass transdisziplinäre Projekte von Bedeutung sind und plädiere deshalb dafür, dass die Wissenschaften, die Politik sowie die Behörden uns Kunstschaffende in die Debatte über eine zukunftsfähige Gesellschaft einbeziehen. 

 

2. Das Prinzip der Solidarität

Was wir jetzt brauchen, sind symbiotische Systeme. In der Natur gibt es sie als existenziell hochwirksames Zusammenspiel von wechselseitiger Abhängigkeit. Flechten zum Beispiel, seit Jahren Inspiration meines künstlerischen Schaffens, sind ein perfekter sozialer Verbund. Nicht nur geprägt von Konkurrenz, sondern auch von Solidarität. Insofern erweist sich Natur in der inneren Struktur als soziales System. Das gilt auch für die Kunst. Der herkömmliche Begriff der westlichen Leistungsgesellschaft ist dadurch allerdings grundlegend in Frage gestellt. Kompetenzgerangel zum Beispiel, auch in den Künsten ausgeprägt, wird bedeutungslos, an dessen Stelle tritt die Fähigkeit der Empathie. Solidarität bedeutet Vertrauen in das Wir.

 

3. Das Wissen über eine Ästhetik der Prävention

Was wir dringlich brauchen, ist eine neue Sensibilität. Sie beinhaltet Kenntnis der Verletzlichkeit, ethisches Bewusstsein sowie eine Kultur der Achtsamkeit. Die gegenwärtigen multiplen Krisen – sie münden zu oft in reine Symptombekämpfung und ökologische Trauerarbeit – sollten als Chance zur Transformation genutzt werden. 

 

Wie schafft man das? 

Ein Ansatz scheint mir plausibel: Die Zeit für Pessimismus ist vorbei. Wir sind gezwungen, den politischen und persönlichen Willen über alle Grenzen hinaus wachzurütteln. Damit die Kurskorrektur gelingt, benötigen wir eine «Symbiose der Verantwortlichkeit». In diesem Kontext leistet die Kunst einen relevanten Beitrag: Sie kann Menschen verändern, den sozialen Zusammenhang stärken und heilende Wirkung entfalten.

Ja, ich würde noch weiter gehen: Eine zukunftsfähige Gesellschaft ist ohne die Wissensform Kunst nicht möglich. Sie ist eine Treiberkraft, mit deren Hilfe wir unsere Welt in ihrem Zusammenhang wahrnehmen und achten können. Vor allem aber: Eine naturverträgliche Gesellschaft kann nur verwirklicht werden, wenn die Trennung von «Kultur» und «Natur» endlich überwunden wird.

Es geht letztlich um das Bewusstsein, unser «gemeinsames Haus» (Franz von Assisi), unsere Erde, zu schützen und der zynischen Vernunft unserer Zeit Kreativität entgegenzusetzen. Angesichts der aktuellen Eskalation von struktureller Gewalt gewinnt dieses Anliegen noch an Dringlichkeit. Als Künstler kann und will ich nicht mehr länger auf strategisches Geplänkel und populistische Versprechen der Politik und der Wirtschaft vertrauen. Wir alle – auch die Kunstschaffenden – sind aufgefordert, den Kompass neu auszurichten. Mitweltverantwortung ist nicht mehr delegierbar. Die Antwort liegt in uns selbst. Jetzt und nicht irgendwann. Let’s walk the talk. 

 

Der vorliegende, leicht veränderte Text basiert auf dem gleichnamigen Essay, das der Künstler im März 2022 für das Zentralorgan der IG Kultur Österreich in Kooperation mit dem Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlicher Dienst und Sport verfasst hat.