Aargauer Kultur zwischen Vorsicht und Zuversicht

KOMMENTAR Michael Schneider, Geschäftsführer des Aargauischen Kulturverbandes (AGKV), über die Post-Covid-Stimmung bei den Kulturhäusern.

TEXT Michael Schneider

Gehts hoch oder runter: Michael Schneider zum Stand der Kultur. Foto: Tabea Hüberli

Die Temperaturen zeigen frühsommerliche Werte, die Ferienbuchungen steigen und der Kulturkalender im AAKU ist dicht gefüllt. Hat die Aargauer Kulturszene bereits wieder den Weg in die Normalität gefunden? Zwei Jahre lang war sie im Ausnahmezustand, tangiert von Planungsunsicherheit, Stillstand und Existenzangst, aber auch in der Hoffnung auf ein Ende der Pandemie und bestrebt, Kultur zu ermöglichen, wo und wann immer es möglich war. Im April hat der AGKV unter seinen institutionellen Mitgliedern eine Umfrage zur Befindlichkeit im Frühjahr/Frühsommer 2022 gemacht. 21 Institutionen haben geantwortet. Die Umfrage erfolgte anonym und zeigt nicht auf, aus welchen Sparten die Antworten kamen. Sie ist also ein Stimmungsbild und es ist möglich, dass die Resultate in einzelnen Sparten hiervon abweichen. 

 

Besucherzahlen noch nicht auf Vor-Corona- Niveau

Wie die Umfrage zeigte, läuft der Betrieb bezüglich Aufwand und Personal mittlerweile in nahezu allen Institutionen wieder auf 100 %. Die Arbeit, Durchführung und Planung der Aktivitäten sind somit wieder auf Vor-Corona-Niveau. Dies deckt sich jedoch beileibe nicht überall mit den Besucherzahlen, wo sich ein differenzierteres und nicht eindeutig positives Bild zeigt. So weisen nur die Hälfte aller Institutionen bereits wieder Publikumszahlen von 80–100 % der Vor-Corona-Zeit auf; die andere Hälfte der Betriebe liegt mehrheitlich erst bei etwa 50–60 % des gewohnten Publikumsniveaus. Die Angebote an sich florieren also wieder; der grossen Angebotsdichte steht aber immer noch eine Zurückhaltung bei den Reservationen gegenüber. Nach wie vor mag die Vorsicht aus gesundheitlichen Gründen hier eine Rolle spielen, zweifellos aber auch das durch die Corona-Zeit angewöhnte reduzierte Bedürfnis, aktiv Kultur zu konsumieren. So erstaunt es auch nicht, dass es immerhin für einen Drittel der Betriebe wichtig ist, dass die staatlichen Ausfallentschädigungen auch nach dem Frühjahr 2022 weitergeführt werden. Und auch in der Zuversicht, als Kulturbetrieb ein erfolgreiches Jahr 2022 gestalten zu können, zeigen sich Unterschiede. Während 6 von 21 Institutionen zu 100 % zuversichtlich sind, ein erfolgreiches Kulturjahr gestalten zu können, sind 12 von 21 Institutionen mit 50–70 % Zuversicht deutlich skeptischer. Immerhin scheint jedoch die Hoffnung vorhanden, dass sich die Situation stetig normalisiert und der Vor-Corona-Zustand, wenn nicht jetzt (12 Kulturinstitutionen), dann doch ab dem Sommer 2022 (4 Betriebe), ab Herbst (1 Betrieb) oder spätestens ab Frühjahr 2023 (3 Betriebe) wiederhergestellt sein wird. Es sind nach wie vor also durchaus fragile Verhältnisse – behaftet auch mit der Unsicherheit, was der Herbst 2022 bringen mag. Dies widerspiegelt sich in der Umfrage des AGKV auch in konkret genannten Sorgen und Herausforderungen, welche die Aargauer Kultur in diesen Monaten spartenübergreifend beschäftigen. Innerhalb dieses Themenfächers wird immer wieder die Planungssicherheit genannt, finanziell und personell (inkl. Fachkräftemangel), der Druck interner Umstrukturierungen, aber auch die Notwendigkeit, das Publikum wiederzugewinnen und es an die eigene Institution binden zu können. Die Hilfsmassnahmen, wenn sie notwendig sind: Sie sollen unbürokratisch erfolgen. Und die Normalität im Kulturbereich: Sie soll kommen und sie soll bleiben. Das ist der allergrösste Wunsch in der Aargauer Kulturszene. 

 

Michael Schneider ist seit September 2021 Geschäftsführer des AGKV. Er engagiert sich seit vielen Jahren für die Aargauer Kultur. Er war Projektleiter am Stapferhaus Lenzburg, Künstlerischer Leiter der Wettinger Kammerkonzerte, Präsident der Musikkommission des Aargauer Symphonieorchesters und Geschäftsführer des Künstlerhauses Boswil. Er ist auch als Komponist und publizistisch tätig.