Silvan Binotto – «Leben in Tokyo»

Man wird geprägt von der Gesellschaft, in welche man hineingeboren wird. Sie beeinflusst die Werte, die Mimik, die Gestik sowie den Sinn für Ästhetik und erschafft die Welt rund herum. So gesehen werden Architektur und Landschaft zur Bühne, auf der die Menschen ihre Rolle in der Gesellschaft einnehmen. In der Serie «Leben in Tokyo» hat der Künstler versucht, das Leben in der japanischen Metropole besser zu verstehen und im Bild festzuhalten; dies aus der Perspektive eines Fremden, dem vieles bemerkenswert erscheint, was für Einheimische selbstverständlicher Alltag ist.Vorbilder der Serie sind insbesondere Hiroshiges Holzschnitte, Carl Spitzwegs Pointen-Bilder sowie die Vedutenmalerei von Canaletto. «Bei der technischen Ausführung handelt es sich um digitale Montagen, die aus mehreren Aufnahmen zusammengefügt wurden. Es ist nicht Fotografie im engeren Sinn, denn es ging nie darum, einen Augenblick festzuhalten, sondern Episoden aus einem Menschenleben. Die Bilder wurden daher leicht angepasst und Elemente entfernt, welche das Lesen der dargestellten Szene erschweren. Die portraitierten Personen waren zu einem bestimmten Zeitpunkt tatsächlich dort, wo sie auf den Bildern zu finden sind. Allerdings variiert der Zeitpunkt der festgehaltenen Episoden von einigen Minuten bis zu mehreren Tagen. Die Menschen, welche auf meinen Bildern nebeneinander stehen, haben sich womöglich nie gesehen, jedoch irgendwann die gleiche Bühne betreten. Diese Szenerie und ihre Erbauer sind mir genauso wichtig, wie das, was sich auf ihr abspielt: Seien es in dieser Serie die Häuserschluchten Tokios und deren Architekten, die Gärten und Gärtner, Strassen und Strassenbauer, etc.» Um sie einzufangen, musste der Künstler die Gesetze der Perspektive brechen. Die Konsequenz ist unter anderem eine reduzierte Verzerrung der Bildränder sowie eine daraus resultierende statische, ruhige Wirkung. Die Proportionen der Architektur bleiben gleichmässiger, wodurch Ähnlichkeit zu einer Planzeichnung entsteht.

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